Großartiges sinfonisches Chorkonzert

Großartiges sinfonisches Chorkonzert in Pößneck

Regionalkantorei, Philharmonie, Solisten spielen ergreifend zusammen

Das Oratorium „Die letzten Dinge“ von Louis Spohr gehört zu den weniger gängigen Werken im Konzertrepertoire deutscher Kirchen- und Oratorienchöre, gehört aber zu den erfolgreichsten Werken des Komponisten. Uraufgeführt wurde es am Karfreitag 1826 in Kassel. Das Werk stellt eine wichtige Bereicherung der oratorischen Literatur insbesondere zum Ende des Kirchenjahres dar. Das Libretto stammt von Friedrich Rochlitz, den er 1804 in Leipzig kennengelernt hatte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist es trotz seiner hohen musikalischen Qualität in der Instrumentierung und seiner ausdrucksvollen Chromatik kaum noch bekannt. Anlässlich des 150. Todestags des Komponisten im Jahr 2009 sind neue Notenausgaben auf dem Markt erschienen und das Oratorium wird wieder häufiger aufgeführt. Am Sonntag wurde dieses Werk, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig gespielt und in damaliger Zeit hoch gelobt wurde und auch in England erfolgreich war, in der Pößnecker Stadtkirche aufgeführt. Es war ein großartiges musikalisches Erlebnis. Die Regionalkantorei Pößneck, ein 40-köpfiges Orchester der Vogtland Philharmonie Greiz-Reichenbach und vier Solisten füllten die Kirche von zarten, leisen Tönen bis hin zu dramatischen Stellen. Die musikalische Gesamtleitung hatte Regionalkantor Hartmut Siebmanns. An dieser Stelle ein Dankeschön, dass er dieses selten gespielte Werk einstudierte, das in vielfacher Hinsicht ein besonderes ist: Es vermittelt in berührender musikalischer Sprache einen neuen Zugang zu der Frage nach Tod, Ewigkeit und dem Ende der Welt.

Das Oratorium besteht aus zwei Teilen, die jeweils mit einem Orchestervorspiel (Ouvertüre oder Sinfonia) beginnen. In diesen Ouvertüren werden schon viele Themen des jeweils folgenden Teils vorgestellt, so dass man anschließend Melodien oder Rhythmen wiedererkennen kann. Spohr hat in diesem Oratorium den Solisten keine Arien zugedacht, sondern vom Orchester begleitete Rezitative und den Wechselgesang mit dem Chor. So verschmelzen die insgesamt 19 Sätze zu einem großen Ganzen. Dem Text liegen Teile der neutestamentlichen Offenbarung des Johannes zugrunde, dessen Todes- und Ewigkeitsvisionen Spohr in eindringlicher Weise zu musikalischer Geltung bringt. Das Werk besticht durch meisterhafte Instrumentationstechnik, überlegen eingesetzte Chromatik, groß angelegte Solo-Rezitative und eindrucksvolle Chorpartien voller inniger Empfindsamkeit einerseits und aufwühlender Dramatik andererseits.

 

Die zahlreichen Facetten des Werkes brachte die Vogtland Philharmonie Greiz-Reichenbach gemeinsam mit der Regionalkantorei Pößneck und den Solisten zum Leuchten. Spohr hat sein Oratorium, das die Schrecken des Jüngsten Gerichts ausmalt, ehe es mit der christlichen Erlösungshoffnung tröstlich schließt, auch für Laienchöre aufführbar gemacht. Das ist der Regionalkantorei Pößneck gut gelungen. Egal ob hymnischer Eingangschor, lyrischer Totengesang oder grandiose Schlussfuge. Die Kantorei zeigte sich intonationssicher, dynamisch flexibel und meisterte selbst die schwierige Chromatik im Schlusschor. Die Vogtland-Philharmonie hat sich ebenfalls exzellent auf diese Herausforderung eingelassen. Sie setzten die Vorgaben des Dirigenten hervorragend um. Die Professionalität zeigte sich schon in der Ouvertüre und der Sinfonia, mit welchen die beiden Oratorienteile eingeleitet werden. Die Wirkung dieser Musik entspringt nicht eingängigen Melodien, sondern einer komplexen Harmonik, vielen fugenartigen Verflechtungen und einer kontrastreichen Dynamik. Die Stimmen der vier Solisten passten sehr gut zum Charakter des Werkes und harmonierten ausgezeichnet mit Chor und Orchester. Die Strahlkraft der Sopranistin Alena Maria Stolle, die wunderbar volle und warme Stimme der Altistin Dorothea Zimmermann, der helle und glasklare Tenor von Karl Hänsel und nicht zuletzt der sonore, runde und „satte“ Bass von Jörg Hempel trugen zum wunderbaren Gesamteindruck bei. Ergriffen erhoben sich die Zuhörer am Ende von den Kirchenbänken und dankten den Sängern und Musikanten mit langen stehenden Ovationen und Bravo-Rufen für dieses besondere Konzert, das Trost und Zuversicht vermittelte.

Matthias Creutzberg / 08.11.16 / OTZ
Bild: Anke Zimmermann

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