Dynamik, Harmonie, satte Klänge und rhythmische Finessen

Am 16. September 2017 erklang in der Stadtkirche St. Bartholomäus in Pößneck ein Chorsinfonisches Konzert anlässlich 500 Jahre Reformation, welches die Besucher begeisterte. Auf dem Programm standen Antonio Vivaldi – Gloria D-Dur (RV 589) und die Kantate „Ein feste Burg“ von Andreas Willscher aus Hamburg. Langer Applaus der über 200 Konzertbesucher nach den Schlusstönen war Lohn für die hervorragenden Leistungen der Regionalkantorei Pößneck, der Solisten Anna Kellnhofer – Sopran, Dorothea Zimmermann – Alt, André Khamasmie – Tenor, Jörg Hempel – Bass, Frank Bettenhausen – Orgel und der Vogtlandphilharmonie Greiz/Reichenbach. Die musikalische Leitung hatte Kantor Hartmut Siebmanns inne.

Das Gloria in D-Dur (RV 589) ist das bekannteste geistliche Werk Vivaldis und gehört zu seinen bedeutendsten kirchenmusikalischen Kompositionen. Das musikalisch repräsentative Werk gliedert sich in zwölf Teile, die sich in Besetzung, Satzart, Tonart und Affektgehalt unterscheiden. Das stimmgewaltige „Gloria“ überzeugte von der ersten Minute an. Die tragenden Klänge berührten die Zuhörer. Der Chor bewies dabei stets sichere Stimmführung und beherrschte auch ausgewogene Klangschattierungen. Anna Kellnhofer (Sopran) und Dorothea Zimmermann (Alt) übernahmen souverän die Soli der Messe und gestalteten in „Gratias agimus tibi“  ein anrührendes Duett. Das aufregende musikalische Finale war voller Dynamik und Energie und nahm die Zuhörer mit in die Welt der Kirchenmusik.

Die Kantate „Ein feste Burg“ von Andreas Willscher gliedert sich ebenfalls in zwölf abwechslungsreiche Teile, die von Gregorianik über cantable Arien, schlichte Choräle, wuchtige Chöre, eine Sinfonia und einen Freudentanz für Orchester bis zur grandiosen Schlussfuge führen. In Willschers Werk sind neben verschiedenen harmonischen und rhythmischen Finessen auch einige überraschende Dissonanzen zu hören. Wie sagte es ein Konzertbesucher: Willscher muss man mögen. Ich mag ihn sehr. Eingeleitet wird die Kantate durch einen Prolog, der in gregorianischer Manier gehalten ist, und in dem der Luther-Choral bereits anklingt. Das Orchester fungierte hier als Echo mit gewaltigen Zwischenparts der voll zur Geltung kommenden Kreutzbach-Jehmlich-Orgel, die mit ihren 16 Fuß Registern für wahrhaft satte Bässe und disharmonische Einwürfe sorgte. Dem Prolog schließt sich eine Sinfonia an, so wie auch Bach diese Satzform vielen seiner Kantaten voranstellt. Auch hier klingt das Choralthema an, gestaltet als eine Art Carillon, ein Glockenmotiv, das als Ostinato durchgeführt wird. In seiner reinen Form erklingt dann der Choral im Chorsatz. Der Solo-Alt singt in der Arie „Verlass mich nicht“ vertonte Worte Karl Mays, ein Gedicht, das nicht nur das Flehen des Christen nach Gottes Schutz, sondern auch Zuversicht ausstrahlt. Der nachfolgende Choral variiert die überlieferte Choralmelodie leicht. Das Orchester antwortet dem Chor quasi wie ein Echo. Die Arie „Selig sind die“ ist charakterisiert durch die konsequent durchgeführte synkopenartige Begleitung. Als Duett gestaltet fungieren hier Sopran und Tenor als Solisten. Das vertonte „Ubi caritas – Wo die Güte ist und die Liebe, da ist Gott“ folgt als Solo-Quartett ohne Instrumentalbegleitung und wurde von den vier Solisten hervorragend interpretiert. Ein Tanz der Freude (Danse de joie) schließt sich an. In einer Art freudiger Toccata herrscht häufiger Taktwechsel vor, wobei ein sogenannter „krummer“ Takt, ein 7/8-Takt, eine Hauptrolle spielt. Auch hier findet sich – wenn auch etwas versteckt – die Melodie des Luther-Chorals. Der Solo-Bass überzeugte mit der Ausführung der Arie „Die Worte Gottes“. Getreu dem Text („Die Worte Gottes sind ein Schild denen, die auf ihn trauen“) ist diese Arie im pastoralen Charakter gehalten, unterstrichen durch einen 6/8-Takt. Der folgende Choral entfernt sich von der herkömmlichen Melodie. Hier lehnen sich Choralmelodie und Begleitung an den Text an. So erklingt bei „Welt voll Teufel“ zweimal der Tritonus, ein Intervall, was auch als „Diabolus in musica – Teufel in der Musik“ bezeichnet wird. Kurz blitzt das originale Kopfthema des Chorals in der Begleitung auf. Es folgt mit einer grandiosen, fulminanten Eröffnung und gnadenlos in Bezug auf die anderen Sätze, ein harmonisches „Air“, ganz bewusst vom Duktus her angelehnt an das liebliche Air der Suite in D von J. S. Bach mit der markanten Bass-Bewegung in Oktaven. Beginnt zunächst das Solo-Quartett, tritt später der große Chor mit Einwürfen dazu. Eine liebliche Entspannung innerhalb der Willscher-Komposition, so der Tenor mehrerer Konzertbesucher. Der Chor „Herr, bleib bei uns“ bringt die Melodie einstimmig, während die Begleitung ganz unterschiedliche Harmonien dazu entwickelt und so eine fast schwebende „Akkord-Atmosphäre“ entsteht. Eine Meisterleistung der Kantorei über 94 Takte den gleichen Ton zu halten. Erst gegen Ende intoniert der Chor in lediglich zwei Takten einmal „komplette Akkorde“, um sofort wieder in das Unisono zurückzufallen. Eine Introduktion als Einleitung eröffnet den letzten Satz der Kantate, der als große Chorfuge gestaltet ist. Zwischendurch als kurze Einwürfe der Beginn des Luther-Chorals in den Begleitinstrumenten, so auch im Schlusstakt. In der die Kantate beschließenden Coda folgt der Luther-Choral in seiner originalen Gestalt, wobei die Solisten hier gemeinsam mit dem großen Chor agierten.

Alles in allem, ein herausragendes 1 1/2-stündiges Konzert, das mit seiner musikalischen Vielfalt überzeugen konnte. Die musikalische Zusammenarbeit der Regionalkantorei Pößneck mit der Vogtlandphilharmonie Greiz/Reichenbach ist eine musikalische Bereicherung für die Region und nicht das letzte Konzert, denn im nächsten Jahr kommt die Petite Messe solennelle für Solisten, großes Sinfonieorchester und Chor von Gioachino Rossini am Sonntag, 23. September 2018, um 18.00 Uhr im Schützenhaus Pößneck zu Aufführung.

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